Lass uns das allseits beliebte Bahn-Bashing mal kurz aus dem System kriegen. Die Züge sind unpünktlich, die Infrastruktur veraltet und vermutlich hat jeder, den du jemals kennen wirst, irgendeine Geschichte über eine kuriose Zugfahrt. Jetzt atmen wir zusammen mal ein und aus und stellen fest, in der selektiven Wahrnehmung bleibt ein negatives Erlebnis viel intensiver und präsenter, als die unzähligen Male, wo vielleicht im gleichen Szenario nichts passiert. Ich glaube, dass das bei Zugfahrten ähnlich ist und da ich gerade im Zug sitze und eine richtig gute Zeit habe, widmet sich der heutige Beitrag mal der guten Seite einer Zugfahrt.

Nächster Halt: Effizienz

Ich muss berufsbedingt hin und wieder reisen. Klassisch gibt es da die Tour von Berlin nach Frankfurt am Main und zurück. Mit dem Auto sind das bequem mal über 1.000km und locker zweimal tanken. Jetzt fahre ich grundsätzlich auch ganz gern Auto, aber solche Distanzen sind dann doch bereits anstrengend.

Zeitlich als auch vom Kostenfaktor unterstelle ich, dass die Zugfahrt mindestens gleichwertig zur Autofahrt ist und auch ökologisch wohl im Gesamtbild sogar locker als Gewinner aus dem Vergleich gehen würde. Speziell bei so langen Strecken, muss man beim Autofahren durchaus mal mit einem Stau- oder einer viel zu langen Baustelle rechnen. Spätestens dann punktet so eine Zugfahrt auch beim Thema Zeit.

Der größte Pluspunkt ist aber in meinen Augen, dass die Fahrt im Regelfall einfach viel entspannter ist. Ich kann hier auf meinem Sitz gammeln, ein bisschen lesen, ein bisschen Filme gucken, Musik hören oder eben tun, wonach mir der Sinn steht. Wenn ich auf der A9 bei Tempo 120 auf die Idee komme, erstmal Netflix anzumachen, gibt es wohl recht kurzfristig Probleme. Dieser Punkt geht also sehr sicher an die Zugfahrt. Falls du jetzt argumentieren magst, dass man im Auto deutlich besser singen kann, als im Zug – dann würde ich gerne meine aktuellen Mitarbeiter des Bordrestaurants als Fallbeispiel anbringen. Die sehen das nämlich gerade hörbar anders.

Aber auch abseits des Unterhaltungsprogramms. Ich kann hier gerade arbeiten. Gut, in meinem Fall schreibe ich gerade einen Blogbeitrag. Es würde mich jedoch auch nichts daran hindern, meinen dienstlichen Laptop hier auszupacken und loszulegen. Das WLan ist erstaunlich stabil und schnell genug, um selbst Videotelefonie zu erlauben. Vielleicht reicht es nicht für professionellen E-Sport aber ich glaube, dass das eine okaye Einschränkung ist.

Die soziale Komponente

Wenn wir jetzt mal davon ausgehen, dass wir mit normalen Menschen reisen, finde ich Zugfahrten mehrheitlich auch aus sozialen Gesichtspunkten spannend. Ich mag es zum Beispiel sehr gerne, im Restaurant des Zuges zu sitzen und einen Kaffee zu trinken. Man kann dabei ganz hervorragend Menschen beobachten und bekommt auch gerne Gesprächsfetzen mit. Für gewöhnlich sind die Leute erstaunlich gut gelaunt. Manche haben diesen Flair von Urlaub um sich. Andere freuen sich einfach über die gute Zeit mit den Leuten, die sie umgeben. Ich würde schon sagen, dass es mehrheitlich eine angenehme Atmosphäre gibt.

Was mir tatsächlich im Zug schon passiert ist, war, dass auf einmal jemand vor mir saß, den man sonst nur aus dem Fernsehen kennt. Genau genommen schaue ich sehr wenig fern und habe das erst gar nicht gerafft, wer da vor mir sitzt. Mich irritierte nur, dass immer wieder Leute zu ihm kamen und fragten „Sind Sie nicht…“ oder „Dürfen wir ein Foto machen?“ und er jedes Mal „ja“ sagte. Ich meine, er war ein Kabarettist und ich will sagen, dass er Florian Schröder heißt, aber keine Garantie dafür.

Der Punkt dabei ist eher der, dass sich in der Folge solch flüchtiger Kontakte sehr leicht ein Smalltalk hier gibt oder gar ein ganzes Gespräch dort. Speziell beim Reisen finde ich, geht durch solche Momente viel Zeit von der Uhr. Mehr als einmal saß ich am Ende einer Reise schon im Zug und dachte bei mir, dass es zwar schön ist anzukommen, aber auch schade um das echt gute Gespräch.

Bislang habe ich es nicht gebraucht, aber theoretisch könnte man so eine Zugfahrt auch ganz hervorragend für ein ernstes Gespräch nutzen. Die Chancen stehen insgesamt ganz gut, dass dein Gegenüber nicht wegläuft.

Wortspiele

Abgesehen von den wirklich vielen Mehrwerten der Zugfahrt gibt es noch einen Punkt, den ich vermutlich recht exklusiv habe. Im Englischen habe ich gelernt, nennt man sowas „guilty pleasure“. Das ist etwas, was eigentlich furchtbar schlecht und / oder dumm ist und man sich trotzdem drüber freut. Ich liebe nämlich Wortspiele. Und so konnte ich mich nun Zug und Zug in diesem Beitrag zu diesem tollem Absatz bringen.

Klar, er wird nicht bahnbrechend werden, aber die Weichen sind gestellt, um an Ende doch etwas zu lesen, was hoffentlich auch dir das Gefühl gibt, dass ich mein Leben schon gerade in vollen Zügen genieße.

So – nachdem wir am Anfang also mal die ganzen negativen Klischees rausgelassen haben, bin ich am Ende also auch noch meine Wortspiele losgeworden. Und das alles, Dank einer Zugfahrt.

Natürlich weiß ich, dass es nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen ist, wenn man dringend von A nach B will und ein Zug verspätet ist oder gar ausfällt. Das ist dann mindestens ärgerlich. Oft genug ist das Problem jedoch nicht die Zugfahrt, sondern so manch eine Einzelperson, die das Leben aller anderen schwerer macht.

Ich habe beispielsweise gerade sehr laut Metalcore angemacht und erst einen Augenblick später gemerkt, dass meine Kopfhörer nicht angeschaltet waren. Ein kollektives Huch im Wagen später schaue ich nun sehr gebannt auf meinen Laptop, um nicht zu sehen, ob mich jemand für so eine nervige Einzelperson hält.

Wie stehst du denn zu Zugfahrten? Folgst du blind dem Klischee der blöden Bahn oder hast du doch einen legitimen Grund so eine Zugfahrt blöd zu finden? Lass es mich gern mal in den Kommentaren wissen.

Die Welt ist besser, weil es Zugfahrten gibt.

Wir lesen uns beim nächsten Mal wieder.

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